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Was ein chinesischer Anarchist zu Tibet meint

category zentralasien | imperialismus / krieg | meinung / analyse author Wednesday April 09, 2008 22:43author by Edward W - (Common Cause) Report this post to the editors

Trotz der Tatsache, dass ich Chinese bin und fast mein ganzes Leben in diesem Land verbracht habe, könnte ich nicht sagen, dass meine Analyse perfekt ist, da ich die Situation nicht im Detail studiert habe. Stattdessen leitet sich meine Meinung, die ich weitergebe, einfach aus den Nachrichten und meinen eigenen Erfahrungen in China ab. [ English] [ Castellano]


Was ein chinesischer Anarchist zu Tibet meint


Ich habe kurz mit einigen Personen über Tibet gesprochen, aber es wäre interessant, tiefergehende Diskussionen führen zu können.

Ich denke, dass die Situation in Tibet zu sehr vereinfacht gesehen wird, sowohl von der bürgerlich-kapitalistischen Presse als auch von gewissen GenossInnen der Linken.

Trotz der Tatsache, dass ich Chinese bin und fast mein ganzes Leben in diesem Land verbracht habe, könnte ich nicht sagen, dass meine Analyse perfekt ist, da ich die Situation nicht im Detail studiert habe. Stattdessen leitet sich meine Meinung, die ich weitergebe, einfach aus den Nachrichten und meinen eigenen Erfahrungen in China ab.

Zuallererst bin ich einmal kritisch gegenüber der ganzen westlichen Bewegung für die Freiheit Tibets, die auf der Figur des Dalai Lama aufbaut. Das würde ja heißen, einen romantischen Fetischismus für die gesellschaftliche Organisation Tibets vor der chinesischen Invasion in den 30ern zu bewahren. Meines Wissens war Tibet, Idealismus beiseite, eine Art theokratische Feudalherrschaft und genauso unterdrückerisch wie das derzeitige System. Darum genoss die chinesische Invasionsarmee auch eine gewisse Unterstützung bei den tibetanischen Arbeitern und Bauern, die sich dieser Ordnung entgegenstellten.

Abgesehen davon wird wohl die Mehrheit von uns darin übereinstimmen, dass der chinesische Staat wenig oder nichts Kommunistisches im eigentlichen Sinn des Wortes an sich hat, sondern auf jeden Fall so kapitalistisch geworden ist wie der Westen. Die aktuelle Situation in Tibet, ebenso wie in der inneren Mongolei - Uighurien (Ost-Turkestan, Provinz Xin Jiang) - Mandschurei kann man meiner Ansicht nach nur von der chinesischen Revolution her verstehen, als Republikaner, Kommunisten und Anarchisten die feudale Qing-Dynastie stürzten. Trotz der anarchistischen Bemühungen, den Kampf der Arbeiter aller Volksgruppen gegen ihre feudalen und bürgerlichen Unterdrücker zu lenken, schafften es die Republikaner und Kommunisten, den Konflikt als Kampf zwischen der Mandschu-Minderheit (Volksgruppe der Qing-Dynastie) und der Han-Mehrheit darzustellen. Diese Tatsachen, in Verbindung mit dem ständigen Konflikt zwischen Japanern und Chinesen, wie auch die wiederkehrende Beschreibung des Han-Volkes als der "Kranken Südostasiens" (Dong Ah Bang Fu), haben meiner Meinung nach zur Entwicklung einer reaktionären Ideologie der Überlegenheit der Han geführt. Da ich die Ergebnisse meiner Studien über die chinesische Geschichte nur als vorläufig bezeichnen kann, verbietet es sich mir allerdings, das als endgültige Schlussfolgerungen zu bezeichnen -- die Geschichte meines Volkes wurde mir von den eurozentrischen Schulen Hongkongs vorenthalten. Aber das Gefühl, dass das Volk der Han sich gegen seine Unterordnung rechtfertigen musste, scheint zu dem Wunsch beigetragen zu haben, andere Volksgruppen der Region zu beherrschen.

Das findet seinen Ausdruck in dem kulturellen Völkermord, der in Teilen Chinas erfolgt ist. Ich erinnere mich, wie ich auf einer Bahnreise durch die innere Mongolei feststellte, dass die Mongolen ihre Sprache verloren hatten. Ich fand niemanden, der die alte mongolische Kalligraphie lesen konnte oder die Inschriften auf den Tempelmauern usw. Die Geschichten dieses Volkes und seine Bücher sind verbrannt worden, ganz so, wie seinerzeit der Kaiser Qin Shi Huang die ganze Geschichte und Philosophie, die nicht Qin war, verbrennen ließ. Außerdem wurde eine große Anzahl Han als Siedler in diese Regionen gebracht, ähnlich wie in West-Papua/Indonesien oder Palästina, wo sie eine bevorzugte Behandlung und wirtschaftliche Privilegien genießen. Das ist eine Realität, mit der diese Völker konfrontiert sind, und ich glaube, es ist einer der Gründe, warum sie sich gegen die chinesische Herrschaft wehren.

Vergessen dürfen wir aber genausowenig, dass der Westen auch die Proteste auf dem Tiananmen vereinnahmt hat, indem er sie als liberale Bewegung darstellt, die für eine "Demokratie" westlichen Stils kämpfte, obwohl sie in Wirklichkeit ein Aufstand von Studenten und Arbeitern gegen die Wende hin zu kapitalistischen Reformen und für die Demokratisierung sowohl der Wirtschaft als auch des politischen Systems waren. Ebenso versuchen die Medien jetzt, den derzeitigen Kampf in Tibet als Anstoß in Richtung einer westlichen "Demokratie" mit dem Dalai Lama als Leitfigur darzustellen.

Ich unterstütze die derzeitige Bewegung für die Unabhängigkeit Tibets aus folgenden Gründen:

1. Ich glaube nicht, dass eine Rückkehr zum Feudalstaat tatsächlich möglich ist. Wir müssen dieses Thema mit einer historischen Perspektive sehen. Viel hat sich geändert seit den 30ern, und ich glaube nicht, dass die Arbeiterklasse ein derartiges Szenario zulassen würde.

2. Der kulturelle und politische Imperialismus ist eine Realität in Tibet, und die Tibetaner haben das Recht auf Selbstbestimmung.

3. Ich glaube, dass in einem unabhängigen Tibet die Revolution leichter durchzuführen ist.

Es wäre interessant, andere Meinungen zu diesem Thema kennenzulernen.


[Translation from a-infos-de]

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